Interview: Vielfältigkeit und Miteinander als Selbstverständlichkeit

Peter Steffen (KJA Köln) und Andrea Blohm (Lebenshilfe Köln e.V.) über das KJA Outdoor-Action-Camp

Guten Tag Frau Blohm und Herr Steffen. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, kurz vor dem Start des diesjährigen KJA Outdoor-Action-Camp 2016 ein Interview mit uns zu führen.

 

Was macht für Sie das Outdoor-Action-Camp aus?

Steffen: „Viele Kinder die man aus der Einrichtung kennt, kriegt man durch das Camp vor die Tür. Die drei wesentlichen Aspekte für das Camp sind: Bewegung, Ernährung, Entspannung. Darüber hinaus ist es so beliebt, dass ‚Mund-zu-Mund‘-Weitergabe ausreicht, um die Anmeldeliste weit vor Camp-Beginn voll zu haben.“

 

Wie fingen die Kooperation und die Teilnahme von Lebenshilfe Köln e. V. bei dem KJA Outdoor-Action-Camp an?

Blohm: „Der JULE-Club hatte eine Förderung von Aktion Mensch für drei Jahre, um inklusive Angebote auszubauen und ins Leben zu rufen und hat hierfür gezielt nach geeigneten Kooperationspartnern gesucht. Die KJA Köln war eine der angesprochenen Institutionen, die sich direkt begeistert bereiterklärte. Das Feriencamp war eine der in Angriff genommenen Maßnahmen. Gemeinsame Ziele wurden formuliert, die Begegnungen mit Jugendlichen mit und ohne Behinderung ermöglichen sollten. Die Kooperation und die Teambildung in diesem Camp sind wunderbar.“

Sie blicken mittlerweile auf acht Jahre KJA Outdoor-Action-Camp zurück. Was würden Sie gerne erweitern oder verändern bzw. verbessern?

Steffen: „Grundsätzliche Veränderungen sehe ich zur Zeit noch nicht. Das Rad muss schließlich nicht jedes Mal neu erfunden werden, da das Camp ja seit Jahren gut läuft. Aber ich stehe auch im ständigen engen Austausch mit meinem Team und allen Betreuern, um Abläufe zu verbessern und um neue Aktivitäten anbieten zu können. Auch die Rückmeldungen der Teilnehmenden sind für uns wichtige Indikatoren für die stetige Verbesserung der Angebote. Es würde mich freuen, wenn sich wieder mehr Mädchen anmelden würden. Trotz Kreativworkshops und Schmuckhandwerk ist das Zelten immer schwer bei Mädchen schmackhaft zu machen.“

 

Wie viele Teilnehmer von Lebenshilfe Köln e. V. besuchen das Camp?

Blohm:„ Dieses Jahr besuchen zehn Menschen mit Unterstützungsbedarf das Camp. Davon sind acht Wiederanmeldungen. Ein Rollstuhlfahrer ist jetzt schon das fünfte Mal dabei. Die Anmeldung läuft über unseren JULE-CLUB.“

 

Wie wichtig ist für Sie das Thema Inklusion bei diesem Camp?

Steffen: „Der Begriff „Inklusion“, wie er zurzeit in gesellschaftspolitischen Diskussion geführt wird, hat für mich kaum Bedeutung. Da ich die Vielfältigkeit und das Miteinander für eine Selbstverständlichkeit halte. Aus meinem christlichen Selbstverständnis heraus beschäftige ich mich nicht vorrangig mit dem was Menschen unterscheidet, sondern konzentriere mich in erster Linie auf das was Menschen miteinander verbindet, ganz gleich ob er gesund ist, ein Handicap hat oder als Flüchtling bei uns lebt: Es zählt der Mensch allein als Individuum. Deswegen verzichte ich auch auf übertrieben plakative Inklusionsmodelle, die sich, wie in anderen Bereichen oft zu beobachten, leider häufig als Nebelkerze herausstellen und nach einiger Zeit an Strahlkraft verlieren, bzw. kaum Nachhaltigkeit entwickeln! “

Sind die Eltern abgeschreckt von einem Outdoor-Action-Camp? Wenn ja, wie nehmen Sie diese Ängste?

Blohm: „Natürlich haben die Eltern Vorbehalte, gerade bei einem Angebot mit Übernachtung. Sie kennen als „Experten“ für die Bedürfnisse ihrer Kinder auch vorhandene und mögliche Schwierigkeiten. Doch gerade die langjährige Zusammenarbeit und das Mitfahren der Betreuer und Mitarbeiter der Lebenshilfe e. V. nehmen den Eltern diese Zweifel. Alle teilnehmenden Betreuer machen im Rahmen der konzeptionell vorgesehenen Bezugsbetreuung Hausbesuche bei den Eltern der mitfahrenden Jugendlichen. Dadurch entsteht ein zusätzliches Vertrauensverhältnis.“

Sind Kinder am Anfang abgeschreckt von den behinderten Kindern?

Steffen: „Leider werden Berührungsängste durch die Gesellschaft oft mitgegeben. Die Erziehung ist im Einzelfall entscheidend. Es ist schockierend, wenn in einigen Kulturen sich Eltern für ihre behinderten Kinder schämen und diese sogar wegsperren. Das Besondere bei uns im Camp sind die älteren Teilnehmer, die schon mehrere Jahre mitfahren. Sie zeigen als leuchtendes Beispiel den jungen Teilnehmern, wie einfach und unverkrampft der Umgang mit behinderten Menschen sein kann.“

 

Wie läuft die Betreuung ihrer Teilnehmer von Lebenshilfe Köln e. V. im Camp?

Blohm:„ Die Betreuung unserer Teilnehmer ist mitunter aufwändig. Einige haben einen hohen Unterstützungsbedarf. Deswegen ist die Bezugsbetreuung wichtig. Schließlich wissen sie, gerade auch durch die intensiven Gespräche mit den Eltern, wie sie den Teilnehmer unterstützen können und was sie täglich dazu benötigen.“

 

Wie schaffen Sie, neben ihrer Tätigkeit als Leiter des Kölner Jugendwerkzentrums, ein solches Camp auf die Beine zu stellen?

Steffen: „Ich habe ein hervorragendes Team aus Betreuern und Mitarbeitern, die seit vielen Jahren gemeinsam mit mir ihr Herzblut in dieses Camp hineinstecken. Ich selber bin positiv bekloppt! Wer nicht 100% dabei ist kann so eine Freizeit nicht leiten. Ich bin daher auch 10 Tage lang während dem kompletten Camp rund um die Uhr vor Ort und Hauptansprechpartner.“

 

Was sind die wesentlichen Aspekte des Camps?

Steffen: „Die drei wesentlichen Aspekte für das Camp sind: Bewegung, Ernährung, Entspannung. Bewegung bedeutet bei uns Sport und die Natur erleben. Raus aus dem Alltag und der Stadt. Bei der Ernährung ist wichtig, regionale Produkte zu nutzen. Zum einen um die Umwelt zu schonen aber auch um zu zeigen, wie vielseitig und lecker heimische Produkte sind. Ich bin schockiert, dass einige Kinder viele Gemüsesorten heutzutage nicht mehr kennen. Wir haben bewusst einen Koch im Camp, der frisch das Essen zubereitet. Zur Entspannung nenne ich klar die kreativen Workshops, aber wichtig ist auch die Spiritualität durch Musik, Kunst und unseren Gottesdienst.“

Hätten sie gerne mehr solcher längerfristigen Ferienangebote?

Blohm: „Fakt ist, es gibt zu wenige inklusive Ferienprogramme. Sie müssen wissen, dass Förderschulen keine Ferienbetreuung anbieten. Die berufstätigen Eltern stehen in den Ferien jedes Mal vor einer großen Herausforderung, ihren Kindern eine angemessene Ferienbetreuung zu ermöglichen. Obwohl der JULE-Club sein Angebot in den letzten Jahr stark erweitert hat, reicht das Angebot vor allem in den Schulferien nicht aus, um den großen Bedarf zu decken.“

 

Welche Rückmeldungen bekommen Sie von den Teilnehmern?

Blohm: „Die Teilnehmer und Eltern der Jugendlichen der Lebenshilfe  geben sehr positive Rückmeldungen. Das zeigt gerade auch die Zahl der Wiederanmeldungen. Schon im November kommen die ersten Anmeldungen für das KJA Outdoor-Actions-Camp im nächsten Jahr.“

 

Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft des Outdoor-Action-Camps?

Steffen: „Ich wünsche mir, dass unser Camp noch viele Jahre weiter angeboten werden kann. Denn in meinen Augen ist es eine vernünftige Freizeitbeschäftigung, ganz ohne Bildschirme. Man spürt wie begeistert die Kinder immer bei der Sache  und dadurch auch im nächsten Jahr wieder dabei sind. Wir haben mit dem Zeltplatz vom Kanu Club Grün- Gelb e. V. in Rodenkirchen sehr gute Bedingungen und hoffen so dort noch lange diese einmalige Ferienfreizeit anbieten zu können.“

 

Beschreiben Sie in ihren Worten das Camp?

Steffen: „Zum einen Caritas im Sinne von gelebte Mitmenschlichkeit, das Verbindende und zum anderen das Innovative. Sich trauen über das normale Maß hinaus (5% Anteil von Menschen mit Unterstützungsbedarf) eine Ferienfreizeit anzubieten. Derzeit haben wir 20% der Teilnehmer mit Unterstützungsbedarf. Die gelebte Mitmenschlichkeit sowie die verbindende Wirkung der Angebote, machen das KJA Outdoor-Action-Camp aus.“

 

Dieses Interview führte Lukas Klapper, KJA Köln

Erklärung:

Frau Andrea Blohm arbeitet im JULE-Club der Lebenshilfe Köln e. V. und ist Ansprechpartnerin für das Miteinander bei dem KJA Outdoor-Action-Camp.

Peter Steffen ist Sozialpädagoge und Leiter des Kölner Jugendwerkzentrums. Er ist Initiator und Leiter des KJA Outdoor-Action-Camp, welches dieses Jahr zum achten Mal stattfindet. Das Camp findet vom 14. bis 20. August 2016 auf dem Zeltplatz des Kanu-Club Grün-Gelb e. V. in Rodenkirchen statt.

 

Die Lebenshilfe Köln e. V. setzt sich seit 1959 für das Wohl von Menschen mit geistiger Behinderung und ihrer Familien ein. Ziel ist es, das Menschen mit Behinderung so selbständig wie möglich mit so viel Unterstützung wie nötig leben können.

Der JULE-Club, die Jugend- und Freizeitabteilung der Lebenshilfe Köln organisiert seit 1990 Ferien- und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen im Alter von 6- 27 Jahren im gesamten Kölner Stadtgebiet.

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